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Retrospektive Digitalisierung jüdischer Periodika im deutschsprachigen Raum

Georg Herlitz / Mendel Probst: Jüdische Presse

 

In: Jüdisches Lexikon. Ein enzyklopädisches Handbuch des jüdischen Wissens in vier Bänden. Begr. von Georg Herlitz und Bruno Kirschner, unter Mitarbeit zahlreicher jüdischer Gelehrten
und Schriftsteller. Berlin: Jüdischer Verlag 1927–1930, Bd. IV/1 (1930), Sp. 1102–1110

  PRESSE, JÜDISCHE. Während das allgemeine Zeitungswesen in Europa dem Flugblatt seine Entstehung verdankt, läßt sich für die Entstehung der ersten j[üdischen] Zeitung der Einfluß eines mehr oder weniger gleichartigen Vorläufers nicht nachweisen.
Die erste bekannte j. Zeitung führte den Namen "Zeitung aus India" [...] und erschien ohne feste Erscheinungszeiten seit 1667 in Amsterdam. Ihre Sprache war die jüdisch-deutsche, ihr Druck erfolgte in hebr. Lettern. Sie diente der Herstellung von Handelsbeziehungen zwischen Holland und Indien und wandte sich mit ihren Nachrichten an die in Holland eingewanderten J., die der holländischen Landessprache nicht mächtig waren und die Zeitungen des Landes nicht lesen konnten. Auch die erste j. Zeitung in hebr. Sprache ist in Holland erschienen. Es war dies die 1728-61 von der Jeschiwa Ez chajim ebenfalls in Amsterdam herausgegebene Wochenschrift Peri ez chajim  ("Frucht vom Lebensbaume"), die der Verbreitung rabbinischer Responsen diente. Zur Zeit, als diese Zeitschriften erschienen, war die Buchdruckerkunst längst für die Herstellung von Zeitungen angewandt, den J[uden] auch wohl bekannt. Daher kennt das j. Zeitungswesen schon in seinen Anfängen nicht die primitiven Formen (Flugblatt, handgeschriebene Ausgaben), die die Anfänge des Zeitungswesens bei anderen Völkern bilden.
Zwischen den Erscheinungsjahren dieser ersten j. Zeitungen und der Zeit, in die man den Anfang des modernen j. Zeitungswesens, das nicht mehr bloß der Nachrichtenvermittlung dienen, sondern den j. Leser in einer bestimmten Richtung leiten und in das j. Leben gestaltend eingreifen will, tatsächlich zu verlegen hat, vergeht fast ein Jahrhundert. Die Zeit der Aufklärung, in der, von Deutschland ausgehend, der Versuch unternommen wurde, die J. aus ihrer geistigen Isolierung herauszuführen, erzeugte bei den führenden Persönlichkeiten dieser Bewegung den Gedanken und das Bedürfnis, in der j. Zeitung ein Sprachrohr für ihre Gedankengänge und Bestrebungen zu schaffen. Moses Mendelssohn begründete 1750 in Berlin die erste, in gewissem Sinne, jedenfalls in der Aufgabe und Tendenz, moderne j. Zeitung unter dem Namen Kohelet mussar ("Der Sittenprediger"). Sie erschien in hebr. Sprache, die damals von dem Teile der deutschen J., der als Leserpublikum überhaupt in Betracht kam, noch allgemein verstanden wurde. Die Zeitung verschwand bereits nach dem Erscheinen von zwei Nummern. Als das erste j. Nachrichtenblatt in deutscher Sprache (mit hebräischen Lettern) kann die später (1771-72) erschienene "Dyhernfurther Privilegierte Zeitung" bezeichnet werden. Die "Aufklärungs"bestrebungen ergriffen allmählich weitere Kreise innerhalb der deutschen J[uden]heit, die bald das Bedürfnis empfanden, die Erzeugnisse der europäischen Kultur in die Massen der deutschen J[uden]heit werbend hinauszutragen. So entstand am Ende des 18. Jhdts., diesmal nicht direkt an die Person, aber doch an den engeren Schülerkreis Mendelssohns anknüpfend und von diesem herausgegeben, das Organ, das für eine ganze Epoche der Mittelpunkt aller Aufklärungsbestrebungen im deutschen und teilweise auch im östlichen J[uden]tum gewesen ist, Hame-assef ("Der Sammler"). Er erschien von 1784 bis 1811 in hebr. Sprache und hat die Bildungsbestrebungen, freilich auch die Assimilations- und Reformtendenzen innerhalb des J[uden]tums in hohem Grade gefördert. Von dieser Zeit an hat jede Periode in der Entwicklung des J[uden]tums, in der geistige Bewegung herrschte, und bes. jede, in der diese Bewegung kämpferisch auftrat, als Ausdruck ihres inneren Lebens j. P[resse]-Erzeugnisse hervorgebracht. So schuf sich die religiöse Reformbewegung in Deutschland als ihr Sprachrohr die "Allgemeine Zeitung des J[uden]tums" (gegründet 1837), die religiös-konservative Gegenbewegung den "Israelit", die Haskala in Osteuropa den Hameliz ("Der Fürsprecher"), der Zionismus "Die Welt". Ganz bes. starken Einfluß hat auf das Erscheinen von P[resse]-Erzeugnissen die am Ausgang des 19. Jhdts. einsetzende nationalj. und zionistische Bewegung ausgeübt, ja das Anschwellen des j. Zeitungswesens zu dem riesenhaften Umfange, den es heute hat, geht erst von dieser Bewegung und den Gegenbewegungen, die sie ausgelöst hat, aus.
Eine bes. Rolle hat in der Entwicklung des j. Zeitungswesens die P[resse] in hebr. und jiddischer Sprache gespielt: diese durch die hohe Zahl, die die Organe in jiddischer Sprache im Laufe eines Zeitraumes von 50 Jahren erreicht haben, jene durch die besondere, literarische Richtung, die in den hebr. Presse-Erzeugnissen immer gepflegt wurde. Die hebr. Presse, die auf eine Geschichte von zwei Jhdtn. zurückblickt, nahm, wie bereits erwähnt, ihren Ausgang von Deutschland. Sie erlebte, als die Kenntnis der hebr. Sprache in Deutschland mehr und mehr zurückging, einen neuen Aufschwung in Österreich und Galizien, wo Männer wie S. J. Rapoport, N. Krochmal und I. Erter sich ihrer zur Pflege der j. Wissenschaft bedienten, und wurde dann das Sprachrohr der Aufklärungsbewegung in Rußland. Hier ist bes. "Hazefira" und als Organ der zion Bewegung "Haolam" zu nennen. Von Rußland wurde sie in den letzten beiden Jahrzehnten des 19. Jhdts. von den Pionieren der zionistischen Bewegung nach Palästina getragen und erlebte hier mit der Entwicklung der hebr. Sprache zur Umgangssprache der j. Siedler einen großen Aufschwung.
Die jiddische Presse, die heute, trotz der Kürze des Zeitraumes, in dem diese Entwicklung vor sich ging - 50 Jahre -, die größte Verbreitung nach Leserzahl und Zahl der Organe hat, ist im Gegensatz hierzu die Presse des täglichen Lebens. Die jiddische P[resse] ist mit den J[uden] von Rußland, Polen, Litauen, Rumänien, wo bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jhdts. jiddische Presse-Organe vorhanden waren, nach England, Frankreich, Deutschland, Amerika, Argentinien, Canada, Südafrika, ja bis in die entlegensten Länder gewandert. Die gelesenste Zeitung in jiddischer Sprache ist die in New York erscheinende sozialistische Tageszeitung "Vorwärts", die in einer Auflage von über 225000 Exemplaren erscheint.

Die Gesamtzahl der seit dem Erscheinen der erwähnten ersten j. Zeitung in der ganzen Welt herausgegebenen j. P[resse]-Organe betrug nach einer 1929 aufgestellten Statistik rund 5000, wobei allerdings zu beachten ist, daß viele dieser Organe nur eine recht kurze Lebensdauer hatten, andere freilich wieder viele Jahrzehnte lang erschienen. Zu der Entstehung dieser großen Zahl j. Zeitungen hat im übrigen auch viel der Umstand beigetragen, daß viele j. Zeitungen, bes. in Osteuropa, die wegen ihres Eingreifens in die Tagespolitik des Landes dem polizeilichen Verbote anheimfielen, bereits am nächsten Tage unter einem neuen, meist nur wenig veränderten Namen wieder erschienen (aus dem "Hajnt" in Warschau wird nach dem Verbot "Der Naje Hajnt", aus "Das Jiddische Leben" wird am nächsten Tage "Unser Leben") usw. Eine zweite Tatsache, die die Zahl der j. Zeitungen in erheblichem Maße vermehrt hat, ohne daß tatsächlich neue Organe geschaffen wurden, war das in Österreich eine Zeitlang geltende Gesetz, das für Wochenblätter eine Steuerabgabe forderte, während Halbmonatsblätter steuerfrei waren, woraus j. Zeitungsherausgeber sofort die Konsequenz zogen, statt eines Wochenblattes zwei Halbmonatsblätter unter verschiedenen Namen, aber gleichen Inhalts herauszugeben. Wenn so viele j. P[resse]-Erzeugnisse nur Eintagsfliegen waren, andere nur ein fiktives Dasein führten, so muß doch andererseits darauf hingewiesen werden, daß das Bedürfnis nach der Zeitung unter den J. besonders stark empfunden wird, und daß oft schon die Anwesenheit einer sehr kleinen Zahl von J. in einem Lande genügt hat, ein j. Zeitungsunternehmen ins Leben zu rufen. Hinzu kommt, daß die neueste Entwicklung innerhalb des J[uden]tums dieses in sehr viele Parteien, Gruppen und Grüppchen gespalten hat, und daß jede von ihnen ihren Ehrgeiz darein setzt, ihren Sonderbestrebungen auch durch Herausgabe einer Zeitung Ausdruck zu geben. Wenn es so richtig ist, daß die Größe und Stärke einer Bewegung auch bei den J. in der Zahl der sie vertretenden P[resse]-Organe zum sinnfälligen Ausdruck gelangt, so darf andererseits auch nicht unerwähnt bleiben, daß die Richtungen und Parteien in vielen Fällen ihre Ausbreitung und ihr Wachstum den von ihnen herausgegebenen Zeitungen verdanken.
Die 5000 j. Zeitungen, die von 1667-1929 erschienen sind, verteilen sich auf alle fünf Weltteile, auf rund 70 Länder, d. h. auf alle Länder, in denen überhaupt J. wohnen oder gewohnt haben, und auf alle Sprachen, in denen J. je gesprochen haben. Gemessen an ihrer Zahl haben jedoch den relativ größten Beitrag zu dieser hohen Zahl j. P[resse]-Erzeugnisse die J. Amerikas, Deutschlands, Rußlands, Polens und Palästinas geliefert. Eine Statistik der Sprachen, in denen die j. Zeitungen in den 1 1/2 Jahrhunderten erschienen sind, ergibt, daß die jiddische, englische, deutsche und hebr. Sprache am häufigsten benutzt worden ist. Inhaltlich sind am j. Zeitungswesen alle religiösen, politischen und sozialen Richtungen innerhalb des J.-tums gleichmäßig beteiligt; auch hat die j. P[resse] versucht, allen im J[uden]tum vorhandenen Bedürfnissen, den wissenschaftlichen, beruflichen, literarischen, pädagogischen und denen der Jugend, gerecht zu werden, so daß sie, wie sie war und heute ist, wirklich ein getreues Abbild des j. Lebens darstellt.
Auf der "Internationalen Presse-Ausstellung" in Köln a. Rh. (1928) wurde die Entwicklung der j. Presse in einem besonderen Pavillon ("JSOP" = Jüdische Sonderschau der Pressa) gezeigt. Die Ausstellung umfaßte einen historischen Teil, der die Entwicklung von der j. Handschrift und dem j. Buch zur j. Zeitung zeigte, und einen dem gegenwärtigen Stand der Entwicklung gewidmeten zweiten Teil, in dem die hebr. und jiddische Presse sowie die j. Presse in den Landessprachen gesondert zur Schau gestellt wurden.
Die beiden vorhergehenden Tabellen sollen eine Übersicht über die jüd. P. in Vergangenheit und Gegenwart geben. Tabelle I enthält eine nach Ländern geordnete Übersicht der wichtigsten j. Zeitungen und Zeitschriften, die von 1667 bis 1929 erschienen sind. Für die Aufnahme der Zeitungstitel in diese Tabelle waren folgende Gesichtspunkte maßgebend: es wurden für jedes Land die beiden ersten j. Zeitungen, die in ihm überhaupt erschienen sind, aufgenommen, weiterhin die ersten Organe in jeder Sprache, die ersten Zeitungen jedes Ortes, die ersten Tageszeitungen, die ersten Wochenblätter, die ersten Monatsschriften, die im Laufe der Zeit in jedem Lande entstanden usw., ferner die ersten Organe jeder Richtung und endlich die nach ihrer Erscheinungsdauer und ihrem Einfluß bedeutenden Zeitungen jedes Landes. Nicht enthalten sind in Tabelle I diejenigen j. Zeitungen und Zeitschriften, die heute noch erscheinen. Diese Zeitungen sind vielmehr in Tabelle II bes. zusammengestellt, die somit einen Überblick fast über das gesamte j. Zeitungswesen von heute gibt. Da monatlich 20-30 neue j. Zeitungen herausgegeben werden und ebensoviele ihr Erscheinen einstellen, ist es leicht möglich, daß in Tabelle II auch noch Namen von Zeitungen enthalten sind, die nicht mehr erscheinen, oder solche, die eben erst zu erscheinen begonnen haben, fehlen. Tabelle II ist am 1. Januar 1930 abgeschlossen.

 


Lit.:
Zitron,
Geschichte der j. Presse; J. Lin, Die hebr. Presse, Werdegang und Entwicklungstendenzen, Berlin 1928; Jiddische Presse, Köln 1928; Bibliographische Jahrbücher des jiddisch-wissenschaftlichen Instituts I (1926), Warschau 1928, S. 3-29, 315-16, 319-329, 384-385, 388-390; JE IX, 662ff.;WWIII. 860 ff.
W.

G. Hz.

 M. P.